
Am Freitag, den 26.06.2026 waren wir auf der Straße um unsere Solidarität mit den Stimmen der Unterdrückten in Gaza sichtbar zu machen.
Unter dem Motto „Die Stimmen der Unterdrückten (the voices of the oppressed)“ wird an diesem Freitag, den 26.06.2026 zu Massenprotesten in Gaza aufgerufen.
Im folgenden dokumentieren wir die Beiträge und verweisen auf Berichte deutschsprachiger Medien.
Redebeitrag zum Beginn der Kundgebung:
Mit dem Überfall der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich auch die gesellschaftliche Stimmung, sowohl in Israel, als auch in den palästinensischen Gebieten deutlich verändert.
Von dem Massaker auf dem Novafestival und den Morden und Entführungen in mehreren Kibuzzim waren vor allem progressive und linke Menschen betroffen. Dies, und die Gewissheit, dass die Menschen nicht vor diesen Angriffen geschützt werden konnten, führte dazu, dass die bis dahin laute Opposition größtenteils verstummte und progressive Politik weit in den Hintergrund gedrängt wurde.
Die Reaktion der israelischen Regierung dürfte von vielen unterschätzt, von der Hamas nach eigenen Verlautbarungen jedoch erwartet worden sein. Das Ziel, die Hamas zu militärisch zu vernichten wird nicht erreicht. Stattdessen ist Gaza annähernd dem Erdboden gleich. Zig tausend Tote, zerstörte Häuser und Infrastruktur; der Krieg geht weiter.
Umgekehrt spielt dieses Vorgehen der Hamas politisch in die Hände. Ihr politische Ideologie beruht auf Hass und Spaltung. Deshalb verklärt sie auch die unzähligen Toten zu Märtyrern. Es geht und ging ihr nie um die palästinensische Bevölkerung. Es geht um Macht.
Dies ist nichts Neues. Seit der Machtübernahme vor gut zwanzig Jahren ist der Gazastreifen wirtschaftlich am Ende. Korruption und Veruntreuung von Hilfsgelder und -gütern sind an der Tagesordnung.
Unter dem Motto „Wir wollen leben“ gibt es seit 2019 immer wieder Proteste gegen die politischen Herrscher. Immer wieder werden Menschen, die nicht mehr als eine gesicherte Lebensgrundlage einfordern misshandelt, gefoltert oder öffentlich hingerichtet.
So geschehen auch im Frühjahr 2025, als zuletzt über mehrere Wochen hinweg tausende Menschen für ein Ende des Krieges und die Wiederherstellung menschenwürdiger Bedingungen demonstrierten. Die Hamas antwortete mit öffentlichen Hinrichtungen, um die Proteste einzudämmen.
Heute wird erneut zu Massenversammlungen in Gaza mobilisiert. Die Lage ist unübersichtlich. Durch den Krieg und die damit einhergehenden Zerstörungen scheint der Unmut über die politische Führung größer denn je. Es macht den Anschein, als hätte die Hamas ihr größtes Druckmittel, die Drohung mit dem Tod verloren.
Vielen Menschen dürfte bewusst sein, dass die Hamas mit ihrem Vernichtungswahn unzählige Palästinenser:innen auf dem Gewissen hat. Sie hat zig Tonnen Hilfsgüter geraubt, um Profit daraus zu schlagen und Frauen werden vergewaltigt um Zugang zu diesen zu bekommen. Gleichzeitig gibt es nicht Ansatzweise Schutzmöglichkeiten für die Zivilbevölkerung in diesem verheerenden Krieg.
Und genau daran knüpfen die Protestaufrufe an. Es geht darum die Spirale der Gewalt zu beenden. Den Krieg mit den Nachbar:innen in Israel, die Repression gegen die eigene Bevölkerung. Es geht darum den Menschen eine Zukunftsperspektive zu schaffen. Eine Perspektive die sich an den Bedarfen und Bedürfnissen der Menschen orientiert. Die ihnen eine sichere Lebensgrundlage verschafft und die Hoffnung auf ein friedvolles Zusammenleben stärkt.
Unsere Solidarität gilt den „Stimmen der Unterdrückten“ in Gaza
Appell der Organisator:innen aus Gaza:

Interview mit Mohammed Altooll:
Wir stehen heute hier um unsere Solidarität mit den Stimmen der Unterdrückten in Gaza , die heute zu Massendemonstrationen aufrufen, zu zeigen.
Im Vorfeld haben wir uns mit Mohammed Altooll über die aktuelle Situation und die Hintergründe der Proteste ausgetauscht.
Wir werden jetzt seine persönlichen Erfahrungen als Palästinenser aus dem Gazastreifen, als Gründer der Bewegung „Bedna Naish“ („Wir wollen leben“) und als jemand, der sich seit vielen Jahren für Frieden, Koexistenz und politischen Wandel einsetzt, vorstellen.
Wir weisen darauf hin, dass Mohammed nicht den Anspruch erhebt, für alle Palästinenser:innen zu sprechen. Dies ist die Perspektive seiner eigenen Erfahrung und aus dem, was er im Laufe der Jahre bei vielen einfachen Menschen im Gazastreifen beobachtet hat.
Wenn Menschen außerhalb des Gazastreifens über die Palästina-Frage sprechen, konzentrieren sie sich oft auf die politischen Fraktionen, meint Mohammed. Für ihn steht jedoch der Mensch im Mittelpunkt: das Recht der einfachen Menschen in Würde, Sicherheit, Freiheit und Hoffnung zu leben.
Seit fast zwei Jahrzehnten wird der Gazastreifen von der Hamas regiert, während Teile des Westjordanlands von der Palästinensischen Autonomiebehörde unter der Führung der Fatah verwaltet werden. Obwohl diese Bewegungen unterschiedliche Ideologien vertreten, sehen viele einfache Palästinenser:innen ein ähnliches Ergebnis ihrer Herrschaft: politische Spaltung, wirtschaftlicher Niedergang, Korruption, mangelnde Rechenschaftspflicht und ein zunehmender Vertrauensverlust in die traditionelle Führung.
Hamas, Fatah, der Islamische Dschihad und andere Fraktionen versprachen alle eine bessere Zukunft. Doch nach vielen Jahren sehen die einfachen Bürger:innen nur Arbeitslosigkeit, Armut, Spaltung, Angst und das Fehlen sinnvoller Perspektiven.
Nach der Ansicht von Mohammed Altooll ist die Krise im Gazastreifen nicht das Versagen einer einzelnen Partei, sondern das Versagen einer ganzen politischen Klasse, die wiederholt die Interessen der eigenen Fraktionen über die Bedürfnisse der Bevölkerung gestellt hat.
Bereits vor dem 7. Oktober 2023 litt der Gazastreifen unter tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Notlagen. Viele Aktivist:innen, Journalist:innen und Kritiker:innen waren aufgrund ihrer Ansichten Einschüchterungen, Verhaftungen oder Verfolgungen ausgesetzt.
Immer mehr junge Menschen hatten das Gefühl, keine Stimme zu haben und keinen wirklichen Einfluss auf ihre Zukunft ausüben zu können.
Als der Angriff am 7. Oktober stattfand, hatten die meisten einfachen Zivilist:innen in Gaza keine Ahnung davon, was bevorstehen würde. Die Menschen erwachten zu schockierenden Ereignissen, die das Leben sowohl der Palästinenser:innen als auch der Israelis dramatisch verändern sollten.
Was folgte, brachte den Zivilist:innen auf beiden Seiten unermessliches Leid. Die Tragödie traf israelische und palästinensische Familien gleichermaßen, und viele Menschen in Gaza erkannten sofort, dass die Folgen für alle Beteiligten verheerend sein würden.
Die Familie von Mohammed Altooll hat in diesem Konflikt einen schrecklichen Preis gezahlt. Er hat fast die Hälfte seiner Familienangehörigen verloren, allesamt Zivilist:innen. Aus diesem Grund spricht er nicht als Beobachter über Schmerz. Er weiß, wie sich Trauer anfühlt. Er weiß, was es bedeutet, geliebte Menschen zu verlieren.
Gleichzeitig weiß er aber auch, wie wertvoll Hoffnung ist, sagt Mohammed.Aus diesem Grund empfindet er aufrichtiges Mitgefühl für die israelischen Zivilist:innen, die am 7. Oktober ermordet, entführt oder verletzt wurden. Die Hamas hat den in der Nähe des Gazastreifens lebenden Zivilist:innen enormes Leid zugefügt, genauso wie der darauf folgende Krieg den palästinensischen Zivilist:innen im Gazastreifen enormes Leid gebracht hat.
Das Anerkennen des Leids anderer mindert nicht unser eigenes Leid, sagt Mohammed. Mitgefühl ist kein Verrat. Er glaubt, dass das Anerkennen der Menschlichkeit des anderen einer der ersten Schritte hin zu einer besseren Zukunft ist.
Diese Überzeugung ist für ihn von ganz persönlicher Bedeutung.
Mohammed Altooll wurde am 25. Dezember geboren, dem Tag, an dem Christen die Geburt Jesu Christi feiern, und dem gleichen Datum, an dem auch der ägyptische Präsident Anwar Sadat zur Welt kam. Sadat wurde zu einem der bedeutendsten Friedensstifter in der Geschichte des Nahen Ostens.
Im Jahr 2014 unterzog er sich in Tel Aviv einer Herzoperation. Während seiner Behandlung erhielt er Bluttransfusionen, die ihm das Leben gerettet haben. Für Mohammed ging es bei dieser Erfahrung nicht um Nationalität, Religion oder ethnische Zugehörigkeit. Es ging darum, dass ein Mensch dazu beitrug, das Leben eines anderen Menschen zu retten. Das bestärkte ihn in seiner Überzeugung, dass unsere gemeinsame Menschlichkeit stärker ist als die Gräben, die uns trennen.
Diese Erfahrungen haben seine Überzeugung bestärkt, dass die Zukunft nicht auf Hass aufgebaut werden kann.
Das ist einer der Gründe, warum Mohammed die Bewegung „Bedna Naish, Wir wollen Leben“ gegründet hat.
Diese Bewegung war nie dazu gedacht, einer bestimmten politischen Fraktion zu dienen. Sie strebte nicht nach Macht. Mohammed sagt, sie wollten den einfachen Menschen eine Stimme geben, die sich von allen politischen Parteien im Stich gelassen fühlten.
Die Botschaft war einfach: Die Menschen verdienen Arbeitsplätze, Bildung, Meinungsfreiheit, Rechenschaftspflicht, Würde und die Möglichkeit, ein normales Leben aufzubauen. Sie standen den Bürgern zur Seite, als diese das Gefühl hatten, dass die politischen Fraktionen ihnen nicht mehr zuhörten. Sie wollten nicht eine Fraktion durch eine andere ersetzen. Sie wollten ein System in Frage stellen, in dem politische Organisationen wichtiger geworden waren als die Menschen selbst.
Heute glauben viele junge Menschen in Gaza nicht mehr an die alten Parolen, sagt Mohammed. Sie wollen Schulen, Universitäten, Arbeitsplätze, Stabilität und Hoffnung. Sie wollen eine Zukunft.
Das ist der Geist hinter den Protesten, die unter dem Motto „Wir wollen leben“ organisiert wurden. Bei diesen Demonstrationen geht es nicht darum, eine herrschende Gruppe durch eine andere zu ersetzen. Sie spiegeln den wachsenden Wunsch nach einer neuen Führung wider, die den Bürgern Vorrang vor bestimmten Fraktionen einräumt.
Mohammed meint, was den pro-palästinensischen Aktivismus in Europa angeht, glaubt er, dass viele wohlmeinende Aktivist:innen den Palästinenser:innen aufrichtig helfen wollen. Allzu oftwerden jedoch die Stimmen der einfachen Menschen in Gaza ignoriert. Viele Bürger:innen haben das Gefühl, dass internationale Aktivist:innen über Gaza sprechen, ohne den dort lebenden Menschen zuzuhören.
Seiner Meinung nach bedeutet echte Solidarität, die Rechte, die Würde und die Freiheit der einfachen Zivilbevölkerung zu unterstützen, anstatt politische Organisationen zu verteidigen.
Mit Blick auf die Zukunft hat Mohammed Altooll eine Vision, die manche vielleicht als unkonventionell ansehen mögen.
Er glaubt, dass der Gazastreifen eine echte demokratische Vertretung und einen politischen Rahmen verdient, der seinen Bewohner:innen ein direktes Mitspracherecht bei der Gestaltung ihrer Zukunft einräumt.
Wenn er sich die arabischen Bürger:innen Israels anschaut, sieht er gewählte Vertreter:innen, die in der Knesset mitwirken und sich für ihre Gemeinschaften einsetzen. Persönlichkeiten wie Ahmad Tibi und Ayman Odeh veranschaulichen für ihn das Prinzip der politischen Vertretung, bei dem Bürger:innen ihre Vertreter:innen wählen und diese zur Rechenschaft ziehen können.
Seit vielen Jahren plädiert Mohammed dafür, dass der Gazastreifen neue Modelle der politischen Vertretung erproben sollte, die seine Bewohner:innen stärken und sicherstellen, dass ihre Stimmen Gehör finden. Sein Ziel ist kein endloser Konflikt. Sein Ziel sind politische Teilhabe, Würde, Chancen und friedliches Zusammenleben.
Mohammed ist davon überzeugt, dass die Kinder von Gaza mehr verdienen als Krieg, Rivalitäten zwischen verschiedenen Fraktionen und ideologische Auseinandersetzungen. Sie verdienen Bildung, wirtschaftliche Chancen, Sicherheit und Hoffnung.
Trotz allem, was geschehen ist, glaubt er nach wie vor, dass Frieden möglich ist. Frieden wird nicht durch Hass entstehen. Er wird nicht durch Rache entstehen. Er wird nicht durch Politiker:innen entstehen, die ihren Einfluss auf Angst und Spaltung gründen.
Frieden wird durch Mut, Dialog, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft gelingen, die Menschlichkeit der Menschen auf der anderen Seite anzuerkennen.
Vielleicht erscheint diese Vision heute noch in weiter Ferne. Doch jede bedeutende Veränderung beginnt als Idee, sagt Mohammed Altooll.
Seine Idee und sein langjähriges Engagement sind einfach: Die Menschen in Gaza verdienen eine Zukunft, in der ihr Leben mehr zählt als politische Fraktionen, eine Zukunft in der ihre Kinder mehr zählen als Parolen und eine Zukunft in der Frieden mehr zählt als ein endloser Konflikt.
Wir danke Mohammed Altooll für seine Einblicke.
Kundgebungsende
Wir kommen nun zum Ende unserer Kundgebung.
In den letzten Beiträgen haben wir ein paar Informationen über die Proteste unter dem Motto „Die Stimmen der Unterdrückten“ in Gaza aufgezeigt.
Schon im Vorfeld gab es Drohungen und Gegenmobilisierungen von Seiten der Hamas und anderen Gruppierungen.
Mit unsrer Kundgebung wollen wir den Menschen unsere Aufmerksamkeit schenken, die sich gegen die Politik der Spaltung und Gewalt in den palästinensischen Gebieten aussprechen und sich gegen die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung zur Wehr setzen.
Gleichzeitig hoffen wir, dass auch progressive Ideen in der israelischen Bevölkerung wieder mehr Gewicht bekommen.
Die politischen Führungen in Israel und in den palästinensischen Gebieten sind nicht an einer Deeskalation und möglichen Zukunftsperspektiven fernab von Krieg und Vernichtung interessiert.
Daher braucht es starke zivilgesellschaftliche Kräfte, die die Gewaltspirale durchbrechen und auf ein friedvolles Zusammenleben hinarbeiten.
Deshalb zeigen wir und heute solidarisch mit den Aufständischen Gaza und hoffen, dass ihr Protest sich Gehör verschaffen und ein Anfang für gesellschaftspolitische Veränderungen sein kann.
Nein zur autoritären Politik in den palästinensischen Gebieten, Nein zur rechten Regierung in Israel, Für ein Ende des Krieges. Für ein gutes Leben für Alle!
Links zu Berichten:
https://taz.de/Die-Hamas-ist-wieder-Ordnungsmacht-in-Gaza/!6188162&s=hamas/